Anlagepolitik 1. Quartal 2022

Rückblick

Der unter den Anlegern vorherrschende Optimismus konnte im Jahr 2021 durch (fast) nichts erschüttert werden. Insbesondere das Schlussquartal legte einen eindrücklichen Endspurt hin. Dabei gab es genügend Gründe für eine zwischendurch etwas eingetrübte Sicht der Dinge, wie es sich auch in manchen durchwachsenen Monaten erwies. Denn nicht nur die grosszügige Regierungspolitik allenorten, sowie die seit Jahren bemühten und expansiven Zentralbanken, sondern auch das wieder anspringende Wirtschaftswachstum und die sehr gute unternehmerische Gewinndynamik trieben den Optimismus und die Börsen an. Auf der anderen Seite musste man sich mit den realen Sorgen der weiteren Entwicklung der Pandemie, der weniger als ausreichend eingeschätzten Impfquote, und schlussendlich, mit der wieder massiv angestiegenen Inflation auseinandersetzen. Eigentlich wäre darin genug Skepsis enthalten gewesen. Jedoch überwog der Optimismus, der die Indexstände auf neue Höchstwerte trieb.

Der Weltaktienindex MSCI stieg im laufenden Kalenderjahr um +20.1%, der amerikanische S&P 500 um +26.9%, sowie der Technologie-Index Nasdaq Composite um +21.4%. Die europäischen Börsen hielten mit diesem Expansionstempo sehr gut mit, der französische Markt setzte sich dabei an die Spitze (+28.9%), der deutsche DAX (+15.8%) blieb vergleichsweise blass, während  der breit gefasste Eurostoxx 600 (+22.5%) deutlich davonzog. Auch die Schweizer Börse konnte sich im Quervergleich mit einem Indexge­winn (getragen von den Defensivtiteln) von +23.4% (SPI) sehr gut behaupten. In Asien blieb der chinesische Markt (Shanghai SSE) vergleichsweise enttäuschend bei +4.8%, auf gleichem Niveau wie Japan mit +4.9%, Hongkong war ein weiteres Mal deutlich abgeschlagen bei -14.6%. (Die detaillierte Übersicht über die Börsenindizes befindet sich in der Beilage 1, die Kommentierung der anlagepolitischen Thesen für 2021 in der Beilage 2, und die Thesen für 2022 in der Beilage 3.)

Die Sektor- bzw. Branchenbetrachtung zeigt über das Band hinweg sehr gute Verläufe, überdurchschnittliche Zuwächse verbuchten die Energie- (über 40%) und die Tech­no­logieaktien (über 30%), knapp vor den Finanzwerten und dem Immobiliensektor (jeweils um die 30%). Fast alle Branchen legten mit Werten um die 20% zu, nur die Titel des nicht-zyklischen Konsums und der Versorger blieben etwas auf Distanz. Innerhalb der Sektoren kam es zu deutli­chen Unterschieden auf der Titelstufe, in jedem Segment gab es Outperformer und weniger gesuchte Titel, so etwa klaffte in der Schweiz eine grosse Lücke zwischen dem Spitzenreiter Richemont (+71%) und der CS (-21%).

Die Renditen auf Staatsanleihen bleiben wohl auf absehbare Zeit im gezielten Fokus der Anleger, weil sie wegen der doch überraschend hohen Inflation stärkeren Schwankungen ausgesetzt bleiben, die Renditen standen deshalb auch im abgelaufenen Jahr tendenziell unter Aufwertungsdruck. Die 10-jährige US-Staatsanleihe stieg auf das Renditeniveau von 1.5% bei leicht ansteigender Tendenz (Jahresendstand 2020: 0.95%), ebenso die deutschen Staatsanleihen (auf -0.20%) und die Eidgenossen (-0.16), die nach einem kleinen Rally noch unverändert im negativen Bereich verharrten.

Die Schwäche des USD drehte sich im 2021 in eine Stärkephase gegenüber den wichtigsten Währungen (der Gewinn zum Euro stellte sich auf fast 10%) um. Auch der Schweizer Franken gewann gegenüber dem Euro. Der Goldpreis bewegte sich vor dem Hintergrund (der starken Börsen) fast nicht, der Ölpreis stand am Jahresende bei einem nicht erwarteten Plus (rund 50%) nach den heftigen Bewegungen des Vorjahres.  Vorübergehende Tiefstände wa­ren erst im Vorjahresverlauf markiert worden, seit dem Jahresbeginn hat sich der Preis deutlich erholt.

Standortbestimmung

Der Zweijahresrückblick zeigt zwei aufeinanderfolgende Jahre, die unterschiedlicher nicht gewesen sein können. Nach dem Auf und Ab des Coronajahres 2020 folgte mit 2021 ein Jahr des Optimismus, das bereit war, viele positive Zukunftserwartungen mit einzupreisen. Gewisse Erwartungen (an die Wirkungen der Impfung, an das wiederanspringende Wirtschaftswachstum), die an dieser Stelle vor einem Jahr geäußert worden sind, haben sich durchaus als berechtigt erwiesen, andere weniger. Insbesondere haben die Mutanten des Virus dafür gesorgt, dass die Pandemie für eine weitere Zeit noch nicht vorbei sein wird. Auch erweisen sich die negativen Auswirkungen der Lockdowns mit Lieferengpässen und Arbeitskräftemangel als länger andauernd als gedacht. Es scheint sich aber herauszukristallisieren, dass die Gesamtnachfrage stabiler ist als ursprünglich angenommen und als Quelle weiteren Wachstums dienen wird. Solange die positiven Rahmenbedingungen weiter andauern, werden sich auch keine weiteren Anlagealternativen zu den bisherigen (Aktien und Immobilien) anbieten. Auf die Zentralbanken ist weiter Verlass.

Ausblick

Für die weitere Entwicklung der Finanzmärkte beurteilen wir die verschiedenen Chancen und Risiken in folgender Weise:

Chancen:

  • Die ausserordentlichen geldpolitischen Lockerungen und die positive Gewinnentwicklung der Unternehmen haben im vergangenen Jahr zu starkem Börsenwachstum beigetragen, wir rechnen mit deren Fortsetzung, aber in den USA ist mit einer relativ frühen Zinserhöhung durch die Fed zu rechnen.
  • Für die weltwirtschaftliche Erholung ist der Erfolg der Impfkampagne zentral.
  • Die Bewertungen der Aktien sind nach dem langen Anstieg eher im oberen Bereich. Für einen Fortbestand der guten Ausgangslage bleibt die solide Gewinnentwicklung der Unternehmen richtungsweisend.

Risiken:

  • Das Virus erweist sich in seinen Varianten hartnäckiger als gedacht. Die Impfungen bringen weniger als erhofft. Die Behörden fürchten den «Kontrollverlust». Das Wachstum verzögert sich substantiell. Die Inflation kehrt trotz aller Beteuerungen auf hohem Niveau zurück.
  • Die Bewertung der Märkte erweist sich als Ballast. Die Gewinne können nicht mithalten. Weitere Stimulierung durch Regierungen und Zentralbanken verpufft möglicherweise.
  • Geopolitische Risiken (Ukraine) sind in der Zwischenzeit nicht verschwunden, im Gegenteil.

Anlagepolitische Konklusionen:

  • Die bestehende, wohlausgewogene Allokation ohne Übergewichtung der Aktienquote hat sich auch 2021 gut bewährt. Trotz aller bestehenden und neuer Vorbehalte scheinen Aktien und Immobilien die verbliebenen Sachanlagen mit realem Wertsteigerungspotential zu bleiben. Mit zyklischen Schwankungen ist dabei zu rechnen, vor übertriebenen Erwartungen halten wir Abstand.
  • Qualitätsaktien aus den Sektoren Konsum, Industrie und Technologie bilden nach wie vor grundlegende Bestandteile unserer diversifizierten Aktienportfolios. Dividendenstarke Titel sind bevorzugt (auch zur Kompensation eines ausbleibenden Zinsertrags).
  • Wir schätzen die Wandelanleihen weiterhin wegen ihrer Anpassungsfähigkeit an verschiedene Marktlagen.
  • Festverzinsliche Anlagen bleiben angesichts der nach wie vor nicht zufriedenstellenden Renditen deutlich untergewichtet. Das Risiko einer Zinswende ist zumindest in den USA gewachsen, während die Europäer sich noch nicht so weit wähnen.
  • Die Goldanlagen haben im vergangenen Jahr kaum einen Performancebeitrag geleistet. Erdöltitel haben (nach der Berg-und-Tal-Fahrt) Vertrauen zurückgewonnen. Wir rechnen mit einem Erdölpreis auf hohem Niveau. Die übrigen Rohstofftitel haben sich erholt, insbesondere Kupfer bleibt gesucht (Elektromobilität), grössere Preiserhöhungen haben bei den verschiedenen «weichen» Rohstoffen stattgefunden und dürften Bestand haben.

 

Beilage 1

 

Beilage 2

Anlagepolitische Thesen 2021 / Kommentierung Januar 2022        

  1. Wir erwarten im Verlaufe des Jahres weltweit eine kräftige konjunkturelle Erholung.
    Diese Konjunkturprognose erwies sich als zutreffend.
  1. Die Zentralbanken werden ihr Versprechen einer langanhaltenden Niedrigzinspolitik und einer nötigenfalls nochmals aufgestockten quantitativen Lockerungspolitik umsetzen.
    Die Zentralbanken hielten an ihrer Niedrigzinspolitik fest.
  1. Die Renditen langlaufender Anleihen werden wegen steigender Inflationserwartungen leicht ansteigen.
    Weltweit sind die Renditen der langfristigen Anleihen leicht angestiegen.
  1. Die Aktienmärkte haben einen guten Teil der erwarteten wirtschaftlichen Erholung bereits eingepreist. Wir erwarten insgesamt leicht positive Gesamtrenditen.
    Diese Prognose erwies sich als zu defensiv. Die Gesamtrenditen betragen zwischen +15 % bis +25 % in Europa und USA, in Asien bewegen sich die Zuwächse im einstelligen %-Bereich.
  1. Gold behält seine Funktion als klassische „Absicherung“ bei, der Kursanstieg wird jedoch im Vergleich zum Vorjahr tiefer ausfallen.
    Der Goldpreis war im Jahresverlauf knapp gehalten.

 

Beilage 3

Anlagepolitische Thesen 2022

  1.  Wir erwarten auch 2022 ein weltweites Wirtschaftswachstum, welches über dem langfristigen Trend liegen wird.
  2. Die Zentralbanken werden ihr quantitatives Lockerungsprogramm beenden (USA) oder zurückfahren (Europa), aber keinen Absturz der Börsen riskieren wollen.
  3. Die Renditen langlaufender Anleihen werden wegen steigender Inflationserwartungen ansteigen. Die Inflation wird jedoch im Laufe des Jahres vom gegenwärtig hohen Niveau nachgeben.
  4. Die Gesamtrenditen für Aktienanlagen werden im Vergleich zu 2021 deutlich bescheidener ausfallen.
  5. Wir erwarten eine Stabilisierung der Rohstoffpreise, inklusive Gold.