Anlagepolitik 1. Quartal 2020

Rückblick

Im vierten Quartal 2019 präsentierten sich die Börsen von ihrer besten Seite und konnten somit ein hervorragendes Jahr abschliessen. Nicht ganz typisch für einen Herbst hielt die Aufwärtsbewegung an den meisten Börsen konstant über die Monate hinweg an, die Schwellenländer verzeichneten einen recht starken Dezember. Einzelne Märkte erreichten regelmässig neue Höchststände, man konnte sich sogar daran gewöhnen. Hauptgründe dafür waren nach wie vor die expansive Geldpolitik international bedeutender Zentralbanken. Auch bei den Konjunkturdaten gab es zumindest vereinzelt Lichtblicke, nachdem im Vorquartal diesbezüglich mehr Skepsis vorherrschte.

Der Weltaktienindex MSCI stieg im laufenden Kalenderjahr um +25.2%, der amerikanische S&P 500 um +28.9%, sowie der Technologieindex Nasdaq Composite um +35.2%. Die europäischen Börsen erzielten praktisch ebenbürtige Zuwächse, so der deutsche DAX (+25.5%, damit das beste Handelsjahr seit 2012), der französische Markt (+26.4%) und der breit gefasste Eurostoxx 600 (+23.3%) lagen im selben Bereich. Auch die Schweizer Börse konnte sich im Quervergleich mit einem Indexgewinn von +30.6% (SPI) sehr gut behaupten. In Asien stieg der chinesische Markt um +28.2%, gefolgt von Japan mit +18.2% und etwas verhalten Hongkong mit +9.1%. (Die detaillierte Übersicht über die Börsenindizes befindet sich in der Beilage 1, die Kommentierung der anlagepolitischen Thesen für 2019 in der Beilage 2, und die Thesen für 2020 in der Beilage 3.)

Die Sektor- bzw. Branchenbetrachtung zeigt wieder die überdurchschnittlichen Zuwächse bei den Technologieaktien. Meist entwickelten sich die Sektoren (mit Ausnahme des Energiesektors) zwar unterschiedlich, aber oft nahe an ihrem jeweiligen Gesamtindex. Innerhalb der Sektoren konnte es aber zu deutlichen Unterschieden auf der Titelstufe kommen. Je nach Markt gab es bemerkenswerte Outperformer.

Die Renditen auf Staatsanleihen verharrten seit dem Sommer vor dem Hintergrund der Risikobereitschaft der Anleger zu Gunsten der Aktien im wesentlichen auf ihren Tiefständen. Die 10-jährigen USStaatsanleihen verzeichneten eine Rendite von 1.9% (Jahresendstand 2018: 2.8%), während die deutschen Staatsanleihen und die Eidgenossen etwas weniger tief im negativen Bereich bei -0.2% bzw. –0.5% handelten.

Die Stärke des USD hielt gegenüber den wichtigsten Währungen in engen Bandbreiten an. Vor dem Hintergrund wachsender politischer Unsicherheiten und der tiefen Zinsen stieg der Goldpreis um +19% an, der Ölpreis um über 35%.

Standortbestimmung

Der Rückblick auf das vergangene Jahr zeigt wieder einmal, dass es mit den Prognosen so eine Sache ist. Kaum jemand hatte die eingetretene Entwicklung in dieser Form auf dem „Radarschirm“ gehabt. An der Marktmacht der Zentralbanken gibt es keine Zweifel, neben ihrer Bedeutung für die Währung und die allgemeine Geldversorgung sind sie in den letzten Jahren u.a. in die Rolle des Stabilisators des Aktien- und des Immobilienmarktes getreten. Die Bereitstellung von mehr als ausreichender Liquidität für die Märkte hat immer wieder auch dafür gesorgt, dass die Börsen sich positiv entwickelt haben. Die Immobilienpreise haben ebenfalls kräftig angezogen.

Das eigentlich wichtige Ziel, die Wirtschaft (also Private und Unternehmen) zu realen Investitionen zu veranlassen und auch die Inflation wieder zu erhöhen, haben die Zentralbanken bis jetzt jedoch verfehlt. Die Bemühungen der US-Zentralbank, beginnend im Jahre 2018 wieder auf den Pfad der „zinspolitischen Tugend“ zu finden und regelmässige Zinserhöhungen durchzusetzen, scheiterte letztlich an schwächer als erwarteten konjunkturellen Daten und den negativen Erwartungen der Märkte. Erst als die US-Zentralbank doch etwas überraschend im Frühjahr 2019 wieder auf eine Politik der breiten Liquiditätsversorgung umstellte, hellten sich die Perspektiven auf und der Boden für das hervorragende Aktienjahr war bestellt.

Die Bestimmungsfaktoren für gute Finanzmärkte scheinen nach wie vor intakt zu sein, für lange Zeit ist mit akkomodativen Zentralbanken und einer (in manchen Märkten, wie Deutschland, etwas zögerlichen) konjunkturellen Erholung zu rechnen. Aus langjähriger Erfahrung wissen Finanzanleger jedoch, dass ein Börsenboom nicht für immer ist und früher oder später die Bewertungen der Märkte ein stärkeres Gewicht bekommen. Investoren dürfen auch die Augen nicht vor möglichen „unerwarteten“ Risiken verschliessen, wie sie aus dem realpolitischen Betrieb nicht wegzudenken sind und auch gegenwärtig wieder virulent sind, wie etwa das Pulverfass des Nahen Ostens immer wieder zeigt. Trotz der bald möglichen Teileinigung mit China ist jedoch der Handelskonflikt mit den USA damit noch lange nicht ausgestanden.

Ausblick

Für die weitere Entwicklung der Finanzmärkte beurteilen wir die verschiedenen Chancen und Risiken in folgender Weise:

Chancen:

  • Die geldpolitischen Lockerungen haben im vergangenen Jahr zu einer starken Entwicklung geführt, sie dürfte vorerst anhalten.
  • Die US-Wirtschaft entwickelt sich überdurchschnittlich, getragen von tiefer Arbeitslosigkeit und dem stabilen Konsum. Es wäre wichtig, wenn die Investitionsbereitschaft der Firmen ansteigen würde.
  • Die Bewertungen der Aktien sind nach dem langen Anstieg eher im oberen Bereich. Für einen Fortbestand der guten Ausgangslage wäre eine solide Gewinnentwicklung der Unternehmen richtungsweisend.

Risiken:

  • Das heutige positive Szenario erweist sich als nicht länger haltbar und es treten neue, bisher nicht als bedrohlich beurteilte Risiken auf.
  • Die Wirtschaft Chinas hat sich im vergangenen Jahr deutlich verlangsamt. Die Wachstumsstabilisierung lässt wohl auf sich warten. Nicht nur die Luxusgüterfirmen hängen stark von diesem Markt ab.
  • Geopolitische Risiken werden stärker gewichtet und treiben den Gold- und den Ölpreis in neue Höhen. Beides würde die Wirtschaft negativ treffen.

Anlagepolitische Konklusionen:

  • Die bestehende wohlausgewogene Allokation der Aktienquote hat sich auch 2019 gut bewährt. Trotz aller Vorbehalte scheinen Aktien und Immobilien die verbliebenen Sachanlagen mit realem Wertsteigerungspotential zu bleiben. Mit zyklischen Schwankungen ist dabei zu rechnen.
  • Qualitätsaktien aus den Sektoren Energie, Konsum, Industrie und Technologie bilden nach wie vor grundlegende Bestandteile unserer diversifizierten Aktienportfolios. Dividendenstarke Titel sind bevorzugt (auch zur Kompensation eines ausbleibenden Zinsertrags).
  • Wandelanleihen weisen ein günstiges Ertrags-/Risikoverhältnis auf.
  • Festverzinsliche Anlagen bleiben angesichts der tiefen (und teilweise negativen) Renditen (zu Gunsten der Liquidität) deutlich untergewichtet. Das Risiko einer Zinswende halten wir für sehr klein. Für kürzere Laufzeiten können US-Renten in Erwägung kommen.
  • Die Goldanlagen dienen weiterhin als „Risikopuffer“, und haben einen guten Performancebeitrag geleistet. Wir gehen von weiterem Potential aus.

Anlagepolitische Thesen 2019 / Kommentierung 2020

Im Rahmen der Thesen stellen wir zum wiederholten Mal den Handlungsrahmen unserer anlagepolitischen Entscheide vor. Zu Beginn des Folgejahres werden diese wieder kritisch beleuchtet.

  1. Wir erwarten eine Verlangsamung des Wachstums für die Weltwirtschaft, eine Rezession bzw. eine harte Landung ist hingegen nicht absehbar. Die USA bleiben eine wichtige Stütze. Diese Konjunkturprognose erwies sich als zutreffend.
  2. Die US-Notenbank wird ihren Normalisierungspfad der Geldpolitik weiter verfolgen: bei anhaltend starkem Wachstum bleibt die konsequente Gangart bestehen, andernfalls werden die Pläne der Lage angepasst. Wir erwarten für 2019 zwei Zinsschritte von je 0.25%. Die US-Notenbank hat im Verlaufe des Jahres 2019 eine Kehrtwende eingeleitet und – überraschend – die Zinsen wieder gesenkt. Anstelle von behutsamen Zinserhöhungen will die Notenbank nun abwarten, wie sich das Wirtschaftswachstum und die Inflation entwickeln.
  3. In Europa erwarten wir im späteren Jahr eine Zinserhöhung von 0.25%. Die europäische Zentralbank (EZB) hat den Zinserhöhungszyklus, bevor er richtig begonnen hatte, quasi schon abgesagt. 2019 wurde an der Zinsschraube nicht gedreht.
  4. Aktien werden bei zunehmender Volatilität höhere, aber insgesamt bescheidene, Gesamtrenditen generieren als festverzinsliche Anlagen. Die Stärke der Aktienmärkte hat wohl alle Marktteilnehmer positiv überrascht. Gesamtrenditen von +25% haben selbst Optimisten nicht erwartet.
  5. Der US Dollar und der Schweizer Franken werden ihren Aussenwert zumindest halten können. Beim Euro erwartet der Marktkonsens eine weitere Erholung, wir sind skeptisch. Die relative Stärke des USD bzw. CHF, auch gegenüber dem EUR, hielt weiter an, wenn auch in überschaubarer Grössenordnung.
  6. Gold wird weiter als Absicherung gegen unerwartete Risiken gesehen, wir erwarten einen leicht positiven Kursverlauf. Goldengagements verteuerten sich im abgelaufenen Jahr um knapp 20%.
  7. Der Handelskonflikt USA-China wird eine Lösung finden, mit der beide Seiten leben können. Erste Lösungsansätze („First Phase Deal“) zeichnen sich ab, ein nachhaltiger Durchbruch wurde jedoch (noch) nicht erreicht.

Anlagepolitische Thesen 2020

  1. Wir erwarten ein US-Wachstum auf solidem Niveau und eine Rückkehr zu höherem Wachstum in Europa als auch in China.
  2. Weltpolitische Spannungen können an den Finanzmärkten vorübergehende Korrekturen auslösen, von einer nachhaltigen und anhaltenden Belastung ist jedoch nicht auszugehen.
  3. Die Zentralbanken dominieren mit ihrer Liquiditätspolitik die Märkte. Die Inflation bleibt nach wie vor sehr tief. Das Zinsänderungsrisiko ist sehr gering. Festverzinsliche Anlagen bleiben in diesem Umfeld nicht attraktiv.
  4. Die Aktienmärkte haben im vergangenen Jahr eine sehr gute Entwicklung gezeigt Eine Beruhigung der Kursverläufe wäre nach dem starken Anstieg angebracht. Wir gehen nach wie vor von insgesamt positiven, aber im Vergleich zu 2019 tieferen, Gesamtrenditen aus.
  5. Zu Aktien gibt es nach wie vor keine Alternative, ausser Immobilien und Gold. Anleger stehen weiterhin im Spannungsfeld zwischen TINA („there is no alternative“) und FOMO („fear of missing out“).
  6. Gold behält seinen Charakter als „Absicherung“, wir erwarten einen positiven Verlauf.

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